Ein Sonntagmittag in der Blomeschen Wildnis. Während viele um diese Zeit ihre Sonntagsruhe genießen, herrscht auf dem Parkplatz der Gärtnerei Neer reges und zugleich entspanntes Treiben.
Hobbygärtner stehen plaudernd in kleinen Gruppen, tauschen Tipps aus und verstauen Blumentöpfe auf ihren Ladeflächen. „Wann kriegst du Petunien, Irina?“, ruft einer und ein anderer wundert sich, dass er nicht genug Platz für alle Töpfe im Auto hat. Irina und Igor Neer, die auch an diesem Wochenende von früh bis spät auf den Beinen sind, müssen gerade vieles zugleich im Blick behalten. Neben den Kunden auch zehntausende Pflanzen, von der Geranie bis zur Mini-Kiwi. Es ist Hochsaison, der Mai verspricht nach kühlem und trockenem Start wärmer zu werden, Regen ist endlich in Sicht.
Igor Neer, Gärtner der zweiten Generation im vierköpfigen Familienbetrieb, führt mich durch die Gewächshäuser der Gärtnerei, die beheizten und die ungeheizten in der Glückstädter Anzucht einige hundert Meter weiter sowie die Verkaufshäuser in der Blomeschen Wildnis und erklärt mir die Besonderheiten des Unternehmens.
Auf mittlerweile mehr als 3000 Quadratmetern Gewächshausfläche wird alles daran gesetzt, mit möglichst geringem Einsatz fossiler Energie und chemischer Herbizide robuste Pflanzen zu kultivieren, die besonders kräftig wachsen und ausdauernd blühen. Große Rolltische erleichtern die flexible Arbeit an den Beeten und sparen Platz, vertikale Ventilation und doppelwandige Hüllen im Warmhaus sorgen für ideale Klimatisierung, die Bewässerung erfolgt computergestützt nach dem Ebbe-und-Flut-Prinzip. Nur Jungpflanzen werden von Züchtern gekauft, alles andere wird lokal produziert - so auch der mit Pferdemist angereicherte Kompost, den man hier qualitativ hochwertig in wiederverwertbaren Leihbehältern statt Einweg-Plastiksäcken kaufen kann.
Während andere Gärtnereien häufig nach dem ersten Frühjahrsblüher- und dem zweiten Sommerblumenansturm Leerlauf erleben, werden bei Neers zunehmend Gemüsepflanzen angebaut und auch über den Sommer hinweg verkauft - Tomaten, Gurken, Auberginen, Paprika und anderes mehr. Neben hüfthohem ukrainischen Knoblauch gegen Wühlmausbefall setzen die Neers zur Schädlingsbekämpfung nach Möglichkeit auf Schlupfwespen, biologische Bakterien, Ameisen- und Kieselsäure. Anstatt regelmäßig Massen an Plastikmüll für Wegwerfschalen zu verursachen, werden UV-stabile Plastikplatten mit Pflanzenmulden viele Jahre wiederverwendet.
Und dann ist die Gärtnerei ja auch noch in Glückstadts Innenstadt bei der Bepflanzung und Pflege der öffentlichen Rabatten sehr präsent. Seit der Gründung des Vereins „aktiv für Glückstadt“ im Jahr 2016 erblüht Glückstadt von Jahr zu Jahr vielfältiger und prächtiger dank der Pflege der unermüdlichen Gärtner.
„Was ein bekannter amerikanische Milliardär und Raketenbauer in seiner Hochphase nach eigener Aussage gearbeitet hat, schaffe ich im Frühjahr auch“, sagt Igor schmunzelnd, während sein Vater Artur nach einem kurzen Plausch schon wieder bei den gestern ausgepflanzten Tomaten verschwunden ist. Igors Partnerin Paulette ist auch noch fester Teil des Unternehmens, dazu ein bis zwei Hilfskräfte sowie gelegentlich Igors Bruder Daniel, der hauptberuflich in Hamburg tätig ist und die Arbeit in der Gärtnerei als erdenden und sinnstiftenden Ausgleich empfindet.
Überblickt man das bunte Blumenmeer in den großen Gewächshäusern ist kaum zu glauben, dass Artur und Irina ihre Gärtnerei 1995 in einer kleinen Holzkonstruktion nahe dem Tivoli eröffneten.
Seitdem hat sich nicht nur das Klima, auch das Käuferverhalten deutlich verändert. Das Frühjahr ist häufig trockener, fast kontinental geprägt, die Sommer sind heißer, das früher gesonderte Herbstgeschäft ist wegen der gestiegenen Temperaturen durch ein verlängertes Sommergeschäft ersetzt worden. Das erfordert ein besonders gutes Management bei Pflanzung und Bewässerung und natürlich Pflanzen, die ausdauernd bis in den Herbst hinein blühen. Was die Kunden angeht, so haben die Bepflanzung von Rabatten und Gräbern und die besondere Vorliebe für Begonien, Geranien und Petunien abgenommen, heute ist das Sortiment wesentlich vielfältiger, es wird mehr kombiniert, variabler gepflanzt und die Insektenfreundlichkeit spielt seit Jahren eine große Rolle.
Manche Sammler möchten sich keine neue Pflanze im Sortiment entgehen lassen, doch in der Masse sind vor allem das sehr wüchsige Hängestiefmütterchen, Strohblumen, Margariten, Fächerblumen, Verbenen, Goldmarie und Schneeflocken gefragt. Das Entdecken neuer Kombinationen ist für die Gärtner eine Quelle der Inspiration, gerade die Abwechslung, so Igor und Irina, mache die Arbeit so erfüllend. Aber man spüre auch zunehmend die Folgen gestiegener Energiepreise, die Kunden überlegten sich genau, was sie sich leisten können und wollen und das Klima stelle ein steigendes Risiko dar.
Zurück auf dem Parkplatz frage ich ein Paar aus Kremperheide, warum sie angesichts der vielen Alternativen in ihrer Nähe gerade bei Neers Pflanzen kaufen. „Wir sind schon seit so vielen Jahren hier. Wir mögen die kompetente und humorvolle Beratung. Die Ware hat immer eine hohe Qualität, das Sortiment ist selbst gezogen und an das Klima angepasst. Wir empfehlen die Gärtnerei schon lange weiter und treffen hier manche Bekannte.“ Irina und Igor lächeln, halten sich aber nicht lange mit dem schönen Lob auf und kehren zu ihren noch schöneren Blumen zurück - zu viel zu tun an diesem Sonntag im Mai in der Blomeschen Wildnis.
Text und Fotos: Vincent Schubarth