Werner Schilling - Ein Urgestein aus der Blomeschen Wildnis | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Ein Leben zwischen Gemüse und ganz viel Klönschnack. - Fehlt Werner bei der Sportstunde, so fehlt auch der Unterhaltungswert und der Spaß bei der Gymnastik.

Werner Schilling - Ein Urgestein aus der Blomeschen Wildnis

Werner Schilling ist einer dieser Menschen, bei denen man schnell merkt: Wenn Werner anfängt zu erzählen, darf man ruhig ein bisschen Zeit mitbringen. Seine Stimme ist unüberhörbar, sein Geschichtenfundus schier unerschöpflich – und ganz egal, ob es um Landwirtschaft, Feuerwehr, Sport, alte Tanzveranstaltungen oder einfach „dütt un datt“ geht: Langweilig wird es mit ihm garantiert nicht.

Im Juli sind Werner Schilling und seine Frau beide 86 Jahre alt geworden. Ihre Geburtstage liegen nur wenige Tage auseinander. Seit inzwischen 62 Jahren sind die beiden verheiratet – und wenn sie gemeinsam aus ihrem Leben erzählen, merkt man schnell, dass sie nicht nur viele Jahre, sondern auch unzählige gemeinsame Geschichten verbindet.

Vom Lastenschiff zum modernen Gemüsebetrieb

Werner Schilling ist auf dem Hof groß geworden. Schon sein Großvater Hinrich Schilling war Gemüsebauer. Mit einem kleinen Lastenschiff fuhr er die Elbe hinauf nach Hamburg zum Großmarkt und verkaufte dort das Gemüse, das er selbst angebaut hatte.

Sein Sohn Otto, Werners Vater, erweiterte die landwirtschaftliche Betriebsfläche von 6 auf 11 Hektar. Das Gemüse wurde nun bereits mit Auto und Anhänger nach Hamburg gebracht. 1966 übernahm Werner schließlich selbst den Hof.

„Man ist da so reingewachsen. Eine Wahl hatte man früher nicht“, erzählt er mit einem Augenzwinkern.

Aus dem traditionellen Mischbetrieb mit Schweinen und Kühen entwickelte Werner den Gemüsebau immer weiter. Blumenkohl, Weißkohl, Rotkohl, Sellerie und Chinakohl wurden angebaut und über Großhändler zum Hamburger Großmarkt vermarktet. Er vergrößerte die landwirtschaftliche Fläche auf 30 Hektar.

1998 entstand eine große Kühlhalle mit rund 1.750 Kubikmetern Fassungsvermögen. Damit konnte das Lagergemüse auch über die Wintermonate angeboten werden. Im selben Jahr bekam auch die Direktvermarktung ein eigenes Zuhause: Aus dem einfachen Straßenverkauf wurde ein richtiger Hofladen.

2003 übergab Werner den Hof an seinen Sohn Niels. Die Gemüseproduktion wurde weiter intensiviert. Inzwischen beträgt die Betriebsgröße 40 Hektar.

Dass Landwirtschaft für die Familie Schilling mehr als nur ein Beruf ist, zeigt sich bis heute. Sohn Niels hatte zunächst eine Ausbildung im Groß- und Außenhandel gemacht und war vom Hof weggegangen. Doch aus freien Stücken kehrte er zurück und entschied sich für die Landwirtschaft.

Und die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern: Enkelin Anna studiert Landwirtschaft, Enkelin Lena arbeitet schon auf dem Hof mit.

Schule? Naja. Hofarbeit? Immer!

Werner besuchte die Schule in Herzhorn. Für ihn und die Jungen aus den beiden Nachbarhäusern war der Weg dorthin einfach kürzer als zur Schule in der Blomeschen Wildnis. Auch seine eigenen Kinder gingen später in Herzhorn zur Schule.

Allerdings war Schule nicht unbedingt Werners große Leidenschaft. Das erzählen er und seine Frau heute noch lachend.

Hausaufgaben machen? Da gab es schließlich viel wichtigere Aufgaben – beispielsweise den Kaninchenstall auszumisten.

Schon als Kind musste Werner auf dem Hof kräftig mithelfen. Auch sein Bruder und seine Schwester packten mit an. Seine Schwester hätte eigentlich gerne etwas anderes gelernt, doch damals galt: Auf dem Hof wurde jede helfende Hand gebraucht.

Freizeit, wie wir sie heute kennen? Fehlanzeige.

„Früher hatte man nie Zeit für Urlaub oder Freizeit. Es gab doch immer etwas auf dem Hof zu tun“, erinnert sich Werner. Kühe und Schweine wollten versorgt werden, und Arbeit gab es immer genug.

Zum Ausgleich: Sport und Bundeswehr

Ganz ohne Freizeit blieb Werner allerdings nicht. Schon als Jugendlicher war er Mitglied im MTV Herzhorn und betrieb Leichtathletik. Dem Sport ist er bis heute treu geblieben und gehört inzwischen zur Seniorensportgruppe .

Mit 23 Jahren wurde Werner zur Bundeswehr eingezogen. Und während so mancher bei diesem Thema eher mit gemischten Gefühlen zurückblickt, erzählt Werner mit strahlendem Gesicht davon.

„Da gab es auch mal Freizeit!“

Nach einem Leben auf dem Hof war das offenbar schon fast Luxus.

Heute fährt Werner noch gerne Fahrrad – inzwischen natürlich mit E-Bike. Seine Touren führen ihn rund um Glückstadt. Und wer Werner kennt, weiß: Einfach nur Fahrrad fahren ist nicht. Unterwegs wird selbstverständlich geschaut, wie das Getreide steht und ob der Blumenkohl ordentlich wächst.

Daneben spielt er noch in einer kleinen gemütlichen Runde Karten.

62 Jahre Ehe – mit wenig Zeit zum Streiten

Werner und seine Frau wohnen heute im Altenteil auf dem Hof, im sogenannten „Dreiländereck“, wo die Gemeinden Herzhorn, Elskop und Blomesche Wildnis aufeinandertreffen.

62 Jahre Ehe wollen erst einmal geschafft sein. Was ist also das Geheimnis einer so langen gemeinsamen Zeit?

Die Antwort kommt prompt und mit einem Lachen:

„Wir hatten wenig Zeit zu streiten.“

Und wenn es doch einmal geknirscht habe? Dann habe man sich abends im Bett trotzdem „Gute Nacht“ gesagt.

Heute gibt es allerdings schon mal etwas mehr Anlass zum Meckern, verrät Frau Schilling schmunzelnd:

„Setz dich mal gerade hin. Zieh die dreckigen Schuhe aus …“

Beide lachen. Offenbar funktioniert das gemeinsame Leben immer noch bestens.

Kennengelernt haben sich die beiden übrigens beim Tanz in den Mai im „Weißen Bären“. Werner weiß das noch ganz genau – und beim Erzählen leuchten beiden die Augen.

Der „Weiße Bär“ und eine Zeit, in der immer etwas los war

Der „Weiße Bär“ spielte früher eine wichtige Rolle im Leben der beiden. Mit dem kleinen Taschengeld, das Werner auf dem Hof verdiente, ging man zu den Tanzveranstaltungen.

Sellerieball, Kaffeeball, Feuerwehrball oder Junggärtnerball – gefeiert wurde, was der Kalender hergab. Für den Junggärtnerball wurde der Saal sogar mit wunderschönen Blumen selbst geschmückt.

„Jeder Ball wurde mitgenommen!“, erzählt Werner.

Heute vermissen beide solche Veranstaltungen. Für Jugendliche gebe es solche Treffpunkte und gemeinsamen Feste leider kaum noch. Damals war immer etwas los.

Ein Freund hat sogar das alte Leuchtreklameschild „Weißer Bär“ gerettet. Es hängt heute als Erinnerung in seinem Partyraum.

Und dann war da noch dieses Theaterstück, bei dem tatsächlich eine echte Sau über den Saal geführt wurde. Zuvor musste das Tier mit vereinten Kräften auf einen Anhänger geladen und zum Veranstaltungsort gebracht werden, erzählt Werner lachend.

Heute undenkbar – damals offenbar einfach eine gute Geschichte für später.

Nachbarschaft, Feuerwehr und ein Urlaubstag im Jahr

Überhaupt war die Gemeinschaft früher eine andere, erzählen die Schillings. Die Nachbarn hielten zusammen. Man traf sich zum Kaffeetrinken oder abends noch auf ein Bier.

Auch die Feuerwehr gehörte fest zum Leben. Die Bewohner der oberen Häuser am Altendeich gehörten damals zur Elskoper Feuerwehr.

Besonders in Erinnerung geblieben sind die jährlichen Feuerwehrausflüge.

„Das war für uns wie Urlaub“, erzählen beide.

Und dieser Urlaubstag musste hart erarbeitet werden: Früh morgens wurden noch die Kühe gemolken, die Kinder fertig gemacht und für den gesamten Bus Brötchen geschmiert. Die Kinder fuhren ein Stück mit und wurden bei den Schwiegereltern abgesetzt. Danach begann für Werner und seine Frau der große Ausflugstag.

Zwei Augenpaare strahlen, wenn sie davon erzählen.

Es war eben nicht der Luxus eines zweiwöchigen Urlaubs – aber dafür war dieser eine Tag etwas ganz Besonderes.

Eine große Familie und sechs Enkelkinder

Werner und seine Frau haben eine Tochter und einen Sohn. Beide haben wiederum drei Kinder.

Wenn die Enkelkinder in den Ferien auf dem Hof waren, war ordentlich Leben in der Bude. Geschlafen wurde zur Not auch auf dem Fußboden. Platz war schließlich da – und wenn die Enkel wieder nach Hause gefahren waren, wurde aufgeräumt.

„Die Kinder hatten bei uns viele Freiheiten“, erzählt Frau Schilling.

Vielleicht war genau das ein Stück jener Kindheit, an die sich die beiden selbst so gerne erinnern.

Denn früher spielte man draußen. Murmeln, Seilspringen, Ballspiele – und natürlich wurde auch in der Wettern geangelt oder im „Schwarz- oder Weißwasser“ gebadet, ergänzte Herr Schilling noch.

„Heute sieht man leider nur noch wenige Kinder draußen spielen“, findet Frau Schilling.

Rosen, Sonnenblumen und ein Garten voller Leben

Heute genießen die Schillings die ruhigeren Seiten des Lebens. Beide lieben ihren Garten und sind besonders stolz auf die vielen Blumen, die dort jedes Jahr blühen.

Rosen und Sonnenblumen gehören zu ihren Lieblingen. Die Sonnenblumen säen sich teilweise selbst wieder aus – jedes Jahr aufs Neue.

„So viele schöne Blumengärten sieht man heute leider nur noch selten“, meint Werner.

Und wer den Garten der Schillings gesehen hat, versteht sofort, warum beide so stolz darauf sind.

Endlich Zeit für ein bisschen Urlaub

Was früher kaum möglich war, holen Werner und seine Frau heute nach. Mit Schmidt Busreisen unternehmen sie gerne Tagestouren und erkunden Schleswig-Holstein, Niedersachsen und den Rand Mecklenburg-Vorpommerns.

Auch Frau Schillings heimlicher Urlaubstraum ging noch in Erfüllung: Dubai.

Als junges Mädchen hatte sie sich immer vorgestellt, einmal dorthin zu kommen – dorthin, „wo die Schönen und Reichen wohnen“. Im Rentenalter machte Werner den Traum wahr und buchte eine Reise in die arabischen Emirate.

Nach all den Jahren auf dem Hof durfte es dann ruhig auch einmal etwas weiter weg sein.

Wenn Werner fehlt, fehlt vor allem eines: die Stimme

Wer Werner Schilling kennt, weiß: Er ist ein geselliger Mensch. Beim Kartenspielen, im Sparclub, beim Sport – eigentlich überall, wo Menschen zusammenkommen, ist er gern gesehen.

Und wenn er einmal nicht da ist, merkt man das sofort.

Seine Frau sagt mit einem Lächeln, dass sie nur selten zu Wort komme. Werner sei eben immer unterhaltsam, wenn er irgendwo auftauche.

Wie sehr seine Freunde seine Gesellschaft schätzen, wurde besonders deutlich, als Werner einmal krankheitsbedingt nicht beim Sport dabei sein konnte. Seine Kameraden schrieben ihm damals einige liebevolle Zeilen, die seine Frau aufbewahrt hat.

Darin hieß es unter anderem sinngemäß, dass nicht nur der Wasserverbrauch beim Duschen gesunken sei, sondern vor allem der Unterhaltungswert und der Spaß bei der Gymnastik, wenn Werner fehle.

Ohne Werner habe man beinahe das Gefühl, sich in einem Schweigekloster zu befinden.

Auch beim Ballspiel fehle seine Angriffslust.

Und besonders schön ist eine weitere Botschaft seiner Freunde: Seine Stimme fehle ob hochdeutsch oder platt zum Gemüseanbau, Mäuseplage oder „dütt un datt“ , wenn beim Ballspiel keiner so richtig zur Attacke bläst, am Ende niemand mit dem Vorturner durch die Halle pest, spätestens dann wird einem gewiss, es fehlt Werner Schiling und sein Biss.

Mehr muss man über Werners gesellige Art eigentlich nicht wissen.

Ein Stück Dorfgeschichte lebt weiter

Wenn Werner Schilling heute von früher erzählt, ist das weit mehr als eine persönliche Lebensgeschichte. Es ist ein Stück Dorf- und Landwirtschaftsgeschichte.

Von Pferden zum Traktor. Vom Lastenschiff des Großvaters zum modernen Gemüsebetrieb. Vom einfachen Straßenverkauf zum Hofladen. Kühen und Schweinen zur spezialisierten Gemüseproduktion. Tanzbällen im „Weißen Bären“ zu Busreisen im Ruhestand.

Und mittendrin immer Werner – mit seiner lauten Stimme, seinem Humor und seinem Talent, aus kleinen Begebenheiten große Geschichten zu machen.

Bevor ich den Hof verlasse, schaue ich natürlich noch im Hofladen vorbei. Hier gibt es frisches Obst und Gemüse, Eis, Brot, Nudeln, Eier, Säfte,… und allerlei Dekoratives. Dort treffe ich Enkelin Lena und komme schnell noch ein bisschen mit ihr ins Klönen. Frisches Brot und frischer Brokkoli wandern ebenfalls in meinen Einkaufskorb, bevor ich den Hof mit vielen schönen Eindrücken von einem bewegten Leben verlasse.

Ein gut sortierter Hofladen, mitten auf einem Hof, dessen Geschichte über Generationen gewachsen ist.

Vielleicht ist genau das das Schönste an der Geschichte der Familie Schilling: Hier wird nicht nur Landwirtschaft weitergegeben, sondern auch Gemeinschaft, Heimat und ein Stück Lebensfreude.

Und so wünschen wir Werner Schilling noch viele gesunde Jahre – auf dem Fahrrad, beim Sport, im Garten, bei Kartenrunden, auf Ausflügen und natürlich dort, wo er am liebsten ist: mittendrin, wenn geklönt, gelacht und erzählt wird.

Denn eines ist sicher:

Wenn Werner einmal nicht da ist, ist es deutlich leiser.