Wer Meike Falck einmal getroffen hat, ist sofort fasziniert von den Erzählungen der lebenslustigen Frau mit weißer Kurzhaar-Frisur und markanten Lachfältchen um Mund und Augen. Die 95-Jährige hat unglaublich viele spannende Geschichten auf Lager.
Schon, dass die 1931 in Itzehoe Geborene nach ihrer Töpferlehre (1947) und ihrer Gesellenprüfung auf Fehmarn (1950) beschloss, auf Wanderschaft zu gehen, um die Welt zu erkunden und noch mehr zu lernen, ist beeindruckend für eine junge Frau der damaligen Zeit.
'So trampte die wissbegierige Töpfergesellin nach Stationen in Hohenlockstedt, Ahrensburg und Wandsbek 1953 ins Schweizerische Höhr-Ganzhausen und 1955 weiter nach Thun in der Schweiz. „Ich konnte da bei einer alten Dame wohnen, die mich fragte, ob ich gerne esse. Und als ich selbstverständlich ‚Ja‘ sagte, war sie begeistert. Denn die Dame war früher einmal Köchin gewesen und kredenzte mir von nun an jeden Sonntag mit einem opulenten Menue. Außerdem brachte sie mir die vornehmen Tisch-Manieren bei.“
Aber nach ihrer Zeit in der Schweiz packte die wandernde Töpfer-Gesellin wieder die Reiselust. „Ich hatte Sehnsucht nach der Nordsee“, erzählt Meike Falck, verzieht den Mund und beginnt, schallend zu lachen. Gesagt, getan.
Sie schrieb also einen Brief an die Meisterin im Witthüs Sylt, in dem sie unterstrich, dass sie sehr gut drehen kann – und die dortige Chefin Janne Reckert versprach Meike tatsächlich eine Anstellung – allerdings mit dem Kommentar, dass sie dafür nichts zahlen könne. Die junge Keramikerin willigte dennoch ein und arbeitete in der Folge lediglich für Wohnen und Essen. Aber die geschäftstüchtige Meike begriff schnell, wie man für mehr Umsatz sorgen könnte und zeigte ihrer Chefin, wie sie ihren Laden noch besser führen konnte. „Ich schrieb nämlich im Sommer schon diverse Auftragsbücher interessierter Kunden voll und nutzte den Herbst und Winter dafür, so viele bestellte Töpferwaren zu produzieren, bis sich die Balken bogen.“ Und schnell verdoppelten sich die Verkaufszahlen mit Hilfe ihrer Taktik. Da konnte Meike Falck dann endlich auch guten Gewissens ein angemessenes Gehalt verlangen. Auch, wenn ihre Chefin meinte, dass Meike immer so eine große Klappe habe. Wieder ein schallendes Lachen. „Neulich habe ich mal in einem anderen Zusammenhang gelesen, große Klappe und viel dahinter – das passt doch irgendwie auch auf mich.“ Die 95-Jährige grinst.
Nach vier Jahren in Wenningstedt auf Sylt ging es für die travelnde Töpferin dann 1961 weiter nach Flensburg, wo sie ihre Meisterprüfung ablegte, bevor sie noch im gleichen Jahr nach Bad Pyrmont umzog. Wenig später wurde auch ihr Sohn Sven geboren – leider, ohne die Unterstützung seines Vaters. Denn der hatte sich aufgrund der Vorbehalte seiner reichen, Hamburger Eltern aus Meikes Leben verabschiedet.
Aber die willensstarke Töpfermeisterin ließ sich nicht davon abbringen, ihren Weg beharrlich weiter zu verfolgen. Und sie machte sich, obwohl sie für einen winzigen Säugling sorgen musste, selbstständig. „Damals arbeitete ich noch an einer Zwei-Zentner-Fußscheibe. Da musste ich draufklettern und wenn ich fertig war, habe ich immer einen Bocksprung darüber gemacht“, erinnert sich die Handwerkerin und schüttelt den Kopf.
1966 ging es dann für sie und ihren Sohn in die Engelbrechtsche Wildnis, wo sie bis vor kurzem wohnte, sage und schreibe 11 Lehrlinge und 12 Gesellinnen und Gesellen ausbildete und noch bis sie weit über 90 Jahre alt war, an der Drehscheibe saß, um diverse Schülerinnen und Schüler zu unterrichten. Aber zurück in die Vergangenheit: 1967 heiratete Meike Falck und bekam 1968 ihren zweiten Sohn Lars. Leider hatte die Handwerkerin jedoch auch dieses Mal kein Glück in der Liebe und ließ sich 1976 scheiden.
Von nun an wollte sie sich nicht mehr an einen Mann binden und konzentrierte sich stattdessen auf ihr Geschäft, eröffnete 1980 eine Zweigstelle im Töpferhaus Bistensee und hatte 1982 auch eine Werkstatt in Glückstadt, wohin sie mit ihrem gelben VW-Bus düste.
Mit dem Bus ging es außerdem auch zwei Mal im Jahr nach Frankfurt, wo ihre Keramik gut ankam.
Auch auf dem Töpfermarkt in Kellinghusen machte sich die Keramikerin schnell einen Namen. „Vor allem meine blaue Kristall-Glasur wurde zu meinem absoluten Favoriten“, meint die heute 95-Jährige und trinkt aus einem ebensolchen kobalt-blauen Becher Tee. Außerdem stehen etliche Krüge, Platten und Blumenvasen aus ihrer Eigenproduktion in ihrem gemütlich eingerichteten Zimmer.
Als sie 60 wurde, zog es die reiselustige und wissbegierige Frau wieder in die Ferne, um Neues zu erkunden. So flog sie 1991 das erste Mal nach Mauritius. Und der farbenprächtige, warme Inselstaat mit seinen freundlichen und fröhlichen Menschen wurde zu einem Sehnsuchtsort für sie. Doch zunächst verkaufte sie 1992 ihre Werkstatt und unternahm Reisen nach Australien, Tasmanien und Neuseeland, um 1997 wieder nach Mauritius zu reisen. Der Zufall wollte es, dass sie das Café einer Freundin mit ihrem Keramik-Geschirr bestücken konnte. „Und plötzlich kamen immer mehr Gäste auf meine Freundin zu, um sich zu erkundigen, woher sie das Geschirr hätte. Da lag mein Entschluss nahe, auch auf Mauritius zu produzieren, um mir den Aufenthalt zu finanzieren.“ Also ließ sich die pragmatische Töpfermeisterin per Schiffs-Container einen Brennofen und Ton liefern und richtete sich eine Werkstatt auf der Terrasse ihres Hauses auf Mauritius ein, wo sie auch begann, Schüler zu unterrichten und Töpfer-Workshops abzuhalten.
Zurück zu Hause in Deutschland genoss sie den Frühling und Sommer, freute sich aber, im Winter wieder von Oktober bis April im indischen Ozean auf Mauritius zu verbringen. Und das noch bis 2012.
Danach war die Keramikerin noch in der Engelbrechtschen Wildnis aktiv, bis sie am 30. September 2023 zu einem letzten großen Ausverkauf ihrer kleinen Töpferei einlud und alle Keramik-Stücke, die noch im Depot zu finden waren, im Garten zum Verkauf präsentierte. Darunter natürlich viele von Meike Falcks besonderen kobalt-blauen Stücken, aber auch gelbes, rotes, graues und pastell-farbenes Geschirr. Und natürlich – ein paar Dodos – die typischen, fluguntüchtigen Vögel, die sie immer an Mauritius erinnern werden.
Dorfapp-Serie: Original
Es gibt Menschen, die prägen ein Dorf. Ohne sie würde eine Riesen-Lücke entstehen. Und obwohl diese Frauen und Männer nicht unbedingt im Rampenlicht stehen, können sie doch faszinierende Lebens-Geschichten erzählen. Wir stellen in einer lockeren Serie Unikate aus der Engelbretchtschen und Blomeschen Wildnis sowie aus Herzhorn vor. Wenn Sie Ideen für weitere „Originale“ haben, gerne eine Mail an ortsapp@herzhorn.de schreiben.