Schüler pflegen den jüdischen Friedhof: praxisnaher Geschichts-Unterricht vor Ort | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Seit diesem Jahr kümmern sich Glückstädter Elftklässler des Detlefsengymnasiums um den jüdischen Friedhof am Bahnhof, säubern Grabplatten und beschäftigen sich so mit jedem einzelnen der hier Verstorbenen. Auf diese Weise entsprechen sie ganz ungezwungen dem Aufruf von Bundesbildungs-Ministerin Karin Prien (CDU), den Geschichtsunterricht zu stärken – im Kampf gegen Demokratie-Feindlichkeit.

Schüler pflegen den jüdischen Friedhof: praxisnaher Geschichts-Unterricht vor Ort

Schüler Yannick Westphal sagt zu den praxisnahen Geschichtsstunden auf dem jüdischen Friedhof: „Ich finde das echt gut, dass man auch mal rausgeht. Nicht nur Präsenzunterricht im Klassenraum, sondern etwas angucken, was eine historische Bedeutung hat.“ Mitschülerin Anna Sonntag stimmt ihm zu: „Wenn man hier auf dem Friedhof ist und die Steine putzt, hat man schon nochmal ein bisschen besseres Gefühl dafür, wie nah diese Geschichte uns eigentlich auch angeht.“ Und so bürsten die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten des 12. Jahrgangs die Grabplatten ab, reinigen deren Inschriften und entfernen das Unkraut von den Gräbern der Glückstädter Juden, über die sie in ihrem Unterrichtsprojekt schon viel erfahren haben. Zum Beispiel, dass deren Geschichte bereits bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht – etwas, was ihr Geschichtslehrer Jens Binckebanck gerne unterstreicht. Denn er möchte mit dem Projekt natürlich auf die Zeit des Nationalsozialismus eingehen, aber auch das sehr viel ältere, jüdisch-kulturelle Erbe von Glückstadt beleuchten.

Auch Stadtarchivar Kay Blohm hält diese praxisnahe Geschichtsvermittlung auf dem Friedhof für sehr bereichernd. Vor allem gefällt ihm die Aktion, dass sich die Schüler auf diese Weise mit jeder einzelnen Lebensgeschichte auseinandersetzen. „Die Beschäftigung mit den einzelnen Menschen, die hier in Glückstadt gelebt haben, das ist etwas, was die Schülerinnen und Schüler besser begreifen können und näherbringt als nur Bücher und Unterricht in der Schule. Man bekommt sozusagen die Möglichkeit, die deutsch-jüdische Geschichte und das jüdische Erbe in Glückstadt anzufassen und zu begreifen.“ Der Herzhorner Kay Blohm, der außerdem des Chronik- und Heimatvereins Herzhorn ist, beschäftigt sich selbst seit etlichen Jahren mit der Geschichte der hiesigen Juden und hat 2021 das Buch „Das Haus der Ewigkeit in Glückstadt. Die jüdische Gemeinde und ihr Friedhof“ herausgebracht, in dem er minutiös auf die einzelnen Grabsteine eingeht. Denn leider sind deren Inschriften durch die zunehmende Verwitterung immer schlechter zu entziffern. Wobei natürlich auch nicht jeder das Hebräische übersetzen kann. Aber durch Kay Blohms Buch und die tatkräftige Aktion der Schülerinnen und Schüler vom Detlefsengymnasium verschwindet die Geschichte der Glückstädter Menschen dahinter nicht.