Sie ist wie eine Art Wikipedia von Herzhorn | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Gefühlt schon immer ist die „Linde“ Dreh- und Angelpunkt in Herzhorn. Bereits seit dem 16. Jahrhundert gab es den Krug als Versammlungsstätte des Schleusenverbandes, in dem auch gehandelt und Branntwein verkauft wurde. Aber was wäre die Linde heute ohne sie – Caren Hartz?! Denn die 59-jährige Wirtin sorgt seit 1997 dafür, dass Stammtische, Sparclub, Jäger und Skatspieler, Sozialverein, Gemeindevertreter und Partyvolk eine Anlaufadresse haben.

Sie ist wie eine Art Wikipedia von Herzhorn

Caren Hartz ist waschechte Herzhornerin. Groß wurde sie im ehemaligen Schulgebäude in der Hinterstraße, weil ihr Vater – Picasso genannt – im Dorf als Lehrer tätig war. „Das war für mich als Grundschülerin oft blöd, weil mein Vater immer sofort davon erfuhr, wenn ich mal unentschuldigt fehlte oder schlechte Zensuren hatte.“

Doch Carens Kindheit wurde durch eine ganz andere Erfahrung belastet. Als Sechsjährige erkrankte sie an Leukämie und musste für ein Vierteljahr im Universitätskrankenhaus in Eppendorf behandelt werden. „Zum Glück begriff ich als Kind noch nicht, wie gefährlich Krebs war und dass meine Heilungschancen bei 30 zu 70 lagen.“ Auch nach der Klinikzeit verlief der Alltag des Mädchens alles andere als normal. Denn Carens Immunsystem war durch die Chemotherapien so stark angegriffen, dass sie bei jeder grassierenden Kinderkrankheit sofort in Quarantäne musste. Es folgten die zunächst vierwöchigen, dann vierteljährlichen Untersuchungen in der Klinik, bei denen gecheckt wurde, ob der Krebs zurückgekehrt war. „Verstanden habe ich erst als Teenager, wie knapp ich dem Tod entronnen bin.“

Nach ihrem Abschluss an der Glückstädter Realschule war endlich Normalität angesagt. Aber zu dieser gehörte leider auch, dass es während der Babyboomer-Jahre verdammt schwer war, eine Lehrstelle zu finden. „Ich hatte mich bei mehreren Banken und im Amt um eine Ausbildungsstelle beworben, aber vergebens.“ Zum Glück ließ ihre Großmutter, die beliebte Magdalene Ledtje, die den Familienbetrieb „Zur Linde“ von 1970 bis 1984 führte, ihre Beziehungen spielen. Und so machte Caren im Ratskeller Glückstadt eine Lehre zur Gastronomie-Fachfrau. Um weitere Erfahrungen zu sammeln, arbeitete sie anschließend für acht Jahre im Fissauer Fährhaus in Eutin. Aber, so räumt Caren Hartz ein: „Ich bin sehr bodenständig und habe Herzhorn vermisst.“ Ihrem Bruder Carsten – einem gelernten Koch, der im Uetersener Rosarium, im Heider Kotthaus und in diversen Robinson Clubs gearbeitet hatte und als Schiffskoch zur See gefahren war, erging es nicht anders. Auch ihn zog es zurück in die Heimat.

Als die Bahnhofsgaststätte „Latte“ in Herzhorn 1979 dicht machte, war dies für die zwei Hartz-Geschwister ein Zeichen zur Neueröffnung der „Linde“, die ihre Großmutter vor 13 Jahren wegen gesundheitlicher Probleme schließen musste. Anfangs betrieben Caren und Carsten das Gasthaus ausschließlich im Erdgeschoss, weil die Wendeltreppe, die damals in den ersten Stock führte, zu gefährlich war und dort außerdem Lüftung und Toiletten fehlten.


Von nun an hieß es für Caren, außer am Montag, dem Ruhetag, von morgens bis abends zu schuften. „Aber es machte mir Spaß. Und ich hörte am Tresen gerne den Geschichten unserer Gäste zu“, erinnert sich die Wirtin. Kein Wunder, dass Caren nach so vielen Jahren eine Art Wikipedia des Dorfes ist, weil sie fast alles über die Ortsgeschichte und die Schicksale der Bewohnerinnen und Bewohner weiß.


Eine Zäsur erfolgte jedoch, als Carsten nach den ersten zehn gemeinsamen Jahren aus dem Familien-Geschäft ausstieg und Caren das harte Business mit Zehn- bis Zwölf-Stunden-Schichten von dann alleine stemmen musste. Vielleicht war und ist diese Arbeitsbelastung auch der Grund, dass die Wirtin nicht immer nur geschmeidig und fröhlich wirkt, sondern manchmal auch ein bisschen ruppig. „Manchmal ist es mir einfach zu viel. Da bin ich auch mal ungehalten“, räumt die kleine Frau mit Brille und praktischem Kurzhaarschnitt ein. „Aber wenn man mich nett fragt, bin ich auch sehr hilfsbereit. Und ich bin eine gute Zuhörerin, die weiß, was ich für mich behalten muss.“ Eine weitere Facette von Caren ist schüchtern, sensibel, fast verletzlich: „In meinen Augen bin ich selbst nie wichtig gewesen.“ Wobei auch sie leise einräumen muss: „Ich bin immer da. Mich kennt jeder.“ Eigentlich könnte die Linde-Wirtin das sehr laut und selbstbewusst unterstreichen. Denn Caren sorgt tatsächlich nicht nur dafür, dass „Turmnächte“, „Dükermühle-Partys“, Konfirmationen, Beerdigungscafés, Spargel- und Matje-Buffets oder Theater-Veranstaltungen mit Mehlbüdel-Essen ausreichend Raum finden und die Herzhornerinnen und Herzhorner hier zusammenkommen können und bewirtet werden. Die Gastwirtin der Linde ist auch fester Bestandteil von Groß-Events wie „Kringelmarkt“ und „Lütt Wiehnacht“.


Außerdem sorgte Caren gemeinsam mit Bettina Butenop seit dem 1. September 2022 dafür, dass mit der Eröffnung von „Linde‘s lütten Laden“ im Erdgeschoss-Flur des Gasthauses die Nahversorgung im Dorf erhalten blieb. Denn, nachdem die nebenanliegende Bäckerei Lehmann dicht machte, entstand eine riesige Lücke. Heute helfen Caren und ihr Team allmorgendlich dabei, dass die hungrigen Herzhorner mit Brot, Brötchen und Kuchen sowie ein paar anderen Lebensmitteln versorgt werden. Was niemand sieht und bedenkt, ist allerdings, dass die 59-Jährige deshalb frühmorgens kurz nach 5 Uhr zur Bäckerei Carstens aufbricht, um die Backwaren abzuholen.


Eine Menge Arbeit bedeutet das Ganze für die Gastwirtin, die bis 2022 noch ihre Mutter versorgte und danach eine ganze Zeitlang ihren kranken Vater zu Hause pflegte, der jedoch im Februar letzten Jahres in einer Senioren-Einrichtung verstarb.


Nachdem sie dann Ende vergangenen Jahres ihr elterliches Haus verkauft hatte und in eine kleine Wohnung umzog, war sie erleichtert. „Wenn ich heute in meinen eigenen vier Wänden auf dem Sofa sitze, merke ich plötzlich, wie viel weniger Verpflichtungen ich plötzlich habe. Das ist für mich eine völlig neue Erfahrung.“ Im November gönnte sich Caren sogar einen einwöchigen Norwegen-Urlaub zusammen mit ihrer Schwester und will in diesem Jahr vielleicht wieder Ferien machen. Auch das ist für die dienstbeflissene Wirtin völlig neu. Ebenso wie die Meditationskurse, an denen sie gerne teilnimmt, um mal völlig abzuschalten. „Das tut mir gut“. Außerdem hat Caren inzwischen gelernt, häufiger die Hilfe ihrer Angestellten anzunehmen – „auch, wenn mir das immer noch schwerfällt“. Aber keine Sorge. Caren denkt noch nicht daran, ihre Arbeit bald an den Nagel zu hängen. Auch, wenn sie im nächsten Jahr ihr 30-jähriges „Linde-Dienstjubiläum“ feiert und Mitte Februar 60 wird. „Nein – ein paar Jahre will ich schon noch arbeiten.“ Schließlich ist der Gasthof am Markt für Caren auch so ein bisschen wie ihr zweites Zuhause, in dem sie am liebsten in der Küche steht und Hausmannskost kocht. Ein Zuhause, das mit den vielen, alten Schwarz-Weiß-Fotografien von der jahrhunderte-langen Familiengeschichte umweht wird.